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Die Jagd

Pfeil und Bogen waren der Menschheit schon sehr früh bekannt. Selbst der bekannte Gletschermann Ötzi hatte schon vor 5000 Jahren einen Bogen aus Eibenholz mit sich geführt. Nachweisbar ist diese Waffe sogar schon etwa seit 20.000 Jahren als die Pfeilspitzen aus unvergänglichem Material gearbeitet wurden. Unabhängig voneinander wurde diese Waffe auf fast allen Kontinenten entwickelt und für Jagd und auch für den Kampf eingesetzt.

Für die Zeit um 700 können wir mit Bestimmtheit davon ausgehen, dass Pfeil und Bogen als Waffe bekannt war. Aber auch hier ist die Fundlage eher spärlich, da organische Materialien in der Regel sehr schnell im Boden vergehen. Bei den Grabungen in Liebenau (Krs. Nienburg) sowie in Rullstorf (Krs. Lüneburg) wiesen einige Gräber eiserne Pfeilspitzen auf. Diese Spitzen sind sehr wahrscheinlich eher als Teil einer Jagdwaffe anzusehen und nicht unbedingt einer Kampfwaffe zugehörig.

Die Oberflacht Bögen
Abb.4 Die Eibenbögen aus den
Oberflacht Gräbern 21, 7
und 8. Hier mit einem
Erlenholzschild aus dem
gleichen Gräberfeld

Bislang haben wir keinerlei Hinweise darauf, dass die Sachsen Pfeil und Bogen als Kriegswaffe eingesetzt haben. Das kann verschiedene Gründe haben. Entweder haben die Krieger nach dem Kampf das Schlachtfeld nach Pfeilspitzen abgesucht und diese wieder eingesammelt, weil das Material und die Herstellung solcher Pfeilspitzen recht teuer war. Dieses kommt natürlich nur dann in Betracht, wenn die Schlacht auch gewonnen wurde. Oder die Waffe wurde im Kampf schlicht und einfach nicht verwendet.

Erst zu späterer Zeit wurde in den Waffenverordnungen der Karolinger festgelegt, dass jeder Krieger zu seiner Musterung (neben seinen anderen Waffen) auch Pfeile und Bogen mitzubringen habe.

Die am besten erhaltenen Schusswaffen der Merowingerzeit stellen ohne Zweifel die Eibenbögen aus dem alamanischen Friedhof bei der Gemeinde Seitlingen- Oberflacht, Kreis Tuttlingen dar. Die handwerklich gute Bearbeitungsqualität sowie der exzellente Erhaltungszustand des Holzes ist bislang einzigartig. Datiert sind diese Funde in die Zeit zwischen 530 bis 650 n. Chr.

Es erforderte sehr viel Übung und Erfahrung um in bewaldeten Regionen Fluchtwild aufzuspüren, erfolgreich anzuschleichen und effektiv zu treffen. Beim Pirschen liegt der Warnbereich gegen den Wind bei etwa 25 bis 60 Metern. Die zielgenaue Maximalreichweite beträgt auch bei sehr starken Eibenbögen etwa 40 bis 50 Meter. Der Jäger musste also die vorhandene Deckung bestmöglich ausnutzen. Die Jagd mit Pfeil und Bogen war in der Regel lautlos. Bei einem Fehlschuss konnte es sogar vorgekommen sein, dass das Tier den Pfeil an sich vorbeifliegen ließ, ohne sich zu erschrecken. Der Schütze hatte nun eine zweite Chance. Ein Pfeil tötet durch inneres Verbluten. Ein Treffer in Herz oder Lungenflügel führte aufgrund des hohen Blutverlustes zum sofortigen Tod des Wildes.

Rullstorfer Lockhirsch
Abb.6 Rekonstruktion der Hirschschirrung
aus Rullstorf

Andere Möglichkeiten zur Jagd werden uns durch weitere Funde im spätsächsischen Gräberfeld Rullstorf aufgezeigt. Im Grab Nr. 601 lag eine geschirrte Hundemeute, die ganz offensichtlich zur Treibjagd verwendet wurde. Von ganz besonderem Interesse ist jedoch das Grab Nr. 1634 . Hier war neben drei jungen Hengsten auch ein geschirrter Hirsch bestattet. Die Jagd auf Rotwild mit Hilfe eines so genannten Lockhirsches ist bereits seit der Antike bekannt und wurde ebenso bei den Rullstorfer Sachsen praktiziert. Ein gefangener (siehe weiter unten) und anschließend gezähmter Hirsch wurde als Lockvogel missbraucht um durch sein Röhren (z. B. in der Brunftzeit) Artgenossen aus ihrer Deckung zu locken. Diese konnten dann leichter erlegt werden, wobei der Lockhirsch selbst auch noch als Deckung für den Jäger diente.
Weitere Belege für die Verwendung von Lockhirschen finden wir im bajuwarischen Gräberfeld von Sindelsdorf (Bayern) sowie im langobardisch besiedelten Gebiet im heutigen westlichen Ungarn.

Auch die Kleintier- und Vogeljagd wurde mit Pfeil und Bogen betrieben. Hier konnte sogar auf eine eiserne Pfeilspitze verzichtet werden.. Es reichte aus, die Pfeile am Schaft keulenförmig auszuschnitzen. Solche Kolbenpfeile sind für das 9./10 Jahrhundert im wikingischen Haithabu belegbar.
Eine dreizinkige Pfeilspitze aus dem alamannischen Gräberfeld von Bülach (Schweiz, Kanton Zürich) liefert möglicherweise einen Nachweis für das Bogenfischen.

Effektiv war auch der Gebrauch von Fallen. Fallen und Fangeinrichtungen mussten in der Größe und im Material jeweils dem zu erbeutetem Wild angepasst werden. So gab es im Mittelalter z. B. Fallgruben, Schwerkraftfallen (z.B. Schlagfallen und Käfigfallen), Klemmfallen, Schlingfallen, Netzfallen, Reusenfallen und Leimfallen.
Belegbar ist die Verwendung von Fallen bei den Sachsen über den bereits erwähnten Lockhirsch aus Rullstorf. Dieser war als Junghirsch mit seinem linken Vorderlauf in eine Klemmfalle aus Holz geraten, die seinen Fuß nicht mehr freigegeben hatte. Beim Versuch seinen Artgenossen zu folgen, brach er sich das Bein, blieb zurück und geriet in Gefangenschaft. Archäologisch nachweisbar ist, dass der Vorderlauf geschient wurde und entsprechend verheilt ist.


Literatur- und Quellenangabe:
Gebers, Wilhelm – Auf dem Weg nach Walhall, 2004.
Gebers, Wilhelm – Die Rullstorfer Altsachsen, CD
Häßler, Hans-Jürgen - Ein Gräberfeld erzählt Geschichte, Studien zur Sachsenforschung 5.5
Lexikon des Mittelalters, WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)
Riesch, Holger – Pfeil und Bogen zur Merowingerzeit, 2002
Württembergische Landesbibliothek Stuttgart

Bildquellen:
Abb.2 und 3: Gebers, Wilhelm – Die Rullstorfer Altsachsen, CD
Abb.4: Krapp, Karin - Die Alamannen, Krieger-Siedler-frühe Christen, 2007 (Seite 91)
Abb.6: Gebers, Wilhelm – Auf dem Weg nach Walhall, 2004.
Abb.7: Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Stuttgarter Psalter, Foliant 021r

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